Morgenmuffel

Geht es ihnen auch manchmal so? Da hat man einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich, ist völlig ab genervt, weil mal wieder nichts so gelaufen ist, wie man sich das beim Nutellabrötchen-Schmieren vorgenommen hatte. Schon beim morgendlichen Verlassen der heimischen vier Wände muss man sich den Fahrstuhl mit unsympathischen Menschen teilen. Wenn ich morgens halbwegs fit bin, laufe ich auch lieber durch’s Treppenhaus, um einfach niemandem zu begegnen. Da fragt sich der unsympathische Mitmensch: „Was macht mich so unsympathisch?” Da antworte ich: „Allein die Tatsache, daß mir am frühen Morgen so ziemlich alle Menschen unsympathisch sind, macht dich unsympathisch!” MORGENMUFFEL werde ich oft diskriminierend genannt. Wie ein Aussätziger wird man behandelt, als ob einem ein nässendes Geschwür am Gesicht hängt.
Dabei gehören doch diejenigen in den Steinbruch geschubst, die sich bereits 6.55 Uhr die Pappnase aufsetzen, um andere Leute gezielt mit ihrem trallali zu nerven. Ja, die freuen sich halt auf den Tag und starten gleich voll durch, möge mir man da ankreiden. Mag ja auch sein, nur ist es nicht unbedingt notwendig, Menschen die dem anstehenden Tagesgeschehen eher distanziert gegenüberstehen zum Mitträllern animieren zu müssen. Ich persönlich fühle mich erst dann erheitert -und da trällere ich mir auch mal ganz gehörig einen- wenn es auch tatsächlich so weit ist und nicht schon fünf Stunden vorher, quasi prophylaktisch. Ansonsten frage ich mich nämlich am Ende des Tages: „Warum hast du blöde Sau eigentlich den ganzen Tag so rumgeträllert, war doch echt Scheiße heute?!” Es ist zu einem meiner Prinzipien geworden, dem Tag von Grund auf pessimistisch gegenüberzustehen, gepaart mit einer sowieso kampfeslustigen Einstellung meinen Mitmenschen gegenüber.
Keinesfalls der Art, daß ich mich daran aufgeile, wenn jemand zu weit auf dem Gehweg geparkt hat, mach ich ja schließlich auch. Auch läßt es mich sowas von kalt, wenn mir ein ungezogener Lümmel vor die Füße rotzt, nur soll mal irgendein dahergelaufener Fuzzi versuchen, mich aus meinem morgendlich-chronischen Stimmungstief zu reißen. Dem wüßte ich schon angemessen zu begegnen!

„Na, mal wieder unausgeschlafen heute?!” begrüßen mich immer wieder „nahestehende” Mitmenschen aus meinem sozialen Umfeld, um von mir mit dem Satz begrüßt zu werden: „Na, heute mal wieder mit dem schlechten Vorsatz aufgestanden, anderen Menschen penetranter Weise in den Gehörgang zu kriechen, um als übel riechender Pfurz ausgestoßen zu werden?!”

Man sagt mir darüber hinaus oft nach, ich sei unausgeglichen und gereizt. Gereizt? Jawoll! Weil jedem Reiz eine unmittelbare Aktion vorausgeht, wie z.B. pseudo-witziges Gebrabbel im Fahrstuhl, penetrantes Gekicher, verbunden mit noch penetranterem Geklopfe auf die mir eigene Schulter, nachdem ein zehnminütiger Witz -dessen Pointe schon nach vier Minuten abhanden gekommen war- unlustig dargeboten wurde oder aber Aufforderungen wie: „Lach doch mal!”; „Mensch laß dich doch mal gehen!” bzw. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?”. Die daraus resultierende Gefühlslage darf durchaus berechtigt als „gereizt” umschrieben werden!

Unausgeglichen? Nö! Ist der Typ ausgeglichen, der da 6.55 Uhr liedchenpfeifend von einer Ecke des Fahrstuhls in die andere hüpft und sich vor lauter gut-drauf-sein nicht wieder einkriegt? Bin ich unausgeglichen, wenn ich diesem Geschehen mit angewiderter Mine gegenüberstehe? Wohl nicht! Diese Hüpfdrolls sind so ganz üble Burschen, die mit ihrer intravenös eingeimpften oder wie auch immer erworbenen „Heiterkeit” für sich allein nicht zurande kommen und daher die Unart entwickeln, andere Menschen mitsich reißen zu wollen. Dagegen erwehre ich mich entschieden! Gehe ich so allein für mich durch eine Einkaufspassage und pitscht eine alte Dame vor mir in den schmutzigen Schneematsch, bin ich durchaus im Stande mich an diesem Anblick ungeteilt erheitern zu lassen. Da muß ich mir nicht den nächststehenden Mitmenschen an die Seite zerren, um ihm unter tosendem Gekichere anhaltend auf die Schulter zu pochen. Ich brauche die solidarische Verschmelzung im Witz jetzt nicht so unbedingt!

Hier mal ein paar immer wieder aufzustöbernde Lach-Typen als leichte Kost für zwischendurch:

  1. Der rettungslos körperfixierte Lach-Typ fällt am Ende eines Witzes fremden Lachern entweder in den Schoss oder um den Hals, um ihnen während des zehnminütigem Lachanfalls den Pulli ordentlich vollzusabbern.
  2. Der vulgäre Lach-Typ zieht es hingegen vor, sich während des prolohaften Lachens für alle sichtbar in den Schritt zu kneifen.
  3. Der verklemmte Lach-Typ verschluckt sich während des Lachens häufig, um das Ende des Lachaktes mit kaum steigerungsfähigem Gehuste und ekligem Auswurf zu schließen.
  4. Der euphorische Lach-Typ zeichnet sich dadurch aus, dass er gern noch einmal für alle die letzten drei oder vier Worte der Pointe während des Lachens weitestgehend originalgetreu hinterhergröhlt.
  5. Der unehrliche Lacher -und damit auch der hinterfotzigste Typ- wird trotz das er die Pointe nicht verstanden hat, solidarisch mitlachen und daher widerwärtig gekünstelt wirken.
  6. Der blonde Lacher ist der Lach-Typ, der aufgrund irgendeines Zwischenfalls -sei es weil er sich gerade bekotzt hat oder weil er den Finger nicht mehr aus der Bierpulle bekommt- die Pointe verpassen wird aber konsequent interessiert im Anschluss nachhakt. Das genervte Gebuhe der übrigen Lacher soll ihm dabei gewiss sein.
  7. Der konsequente Nichtlacher -bei einem schlechten Witz auch der sympathischste- lacht überhaupt nicht und verabschiedet sich vom Missverständnis der übrigen Lacher über seine humoristische Enthaltsamkeit mit dem Satz: „Da geh’ ich doch lieber Ramona ficken!” (Übrigens bin ich sehr darüber erfreut, daß sich die nette Vokabel „ficken” von ihrem Status als herabgewirtschaftete Schlampen-Floskel hin zum stilvollen, künstlerischen Instrument mausern konnte! Wie kein anderer war der namhafte Literaturkritiker Reich-Ranicki in einer seiner letzten Sendung dazu im Stande, diese Vokabel wunderbar wohlklingend von sich zu geben! Alle Achtung!)
  8. Der gönnerhafte Lach-Typ, findet den dargebotenen Witz als solchen scheiße, lässt sich aber trotzdem zu einem beim Betrachter herpesauslösenden, breiten Grinsen erweichen. Das sind so die Typen, die im Anschluss einen wesentlich „besseren” Witz bringen wollen, wo allerdings alle Lacher zum Typ 7 werden! Auch peinlich, nur er sitzt noch da, der Rest hat sich bei Ramona eingefunden!
  9. Der sado-masochistische Lach-Typ haut sich auf der Tischplatte unter ausschweifender Freude die Pfoten weich. Die ganz Harten machen das mit dem Kopf! Lustig anzusehen, aber ansonsten voll daneben!
  10. Der eklige und in den meisten Fällen auch perverse Lacher hat weißen, angetrockneten Speichel in den Mundwinkeln. Wirklich übel! Diese Spezies ist auch immer wieder auf diversen Karnevalsveranstaltungen aufzufinden, um sich am Hereinmarschieren der eigentlich überhaupt nicht sexy anmutenden regionalen Frauentanzgruppe – weil 90% der „Tänzerinnen” in der hiesigen Schweinemastanlage tätig- aufzugeilen.
Mir ist übrigens unlängst aufgefallen, dass alle Karnevalisten weißen, angetrockneten Speichel in den Mundwinkeln haben! Was das wohl wieder zu bedeuten hat?! Was wäre die Charakterisierung von Lach-Typen ohne die Warnung vor den unterschiedlichsten Typen von Witzeerzählern?
Eine Zigarette ohne Feuer! „Haste ma Feuer?”

Na klar, hier:
  1. Dieser Typ ist der „looser” unter den Witze-Erzählern, weil er ständig die mottenmuffigsten Witze aus der Lameng zieht, um kollektive Erheiterung zu erzielen. Da er damit ungeheuer fehlschlägt, darf er mit ruhigem Gewissen unter den Tisch getreten werden!
  2. Ist der Alzheimer unter den Witze-Erzählern und bricht erfahrungsgemäß bereits nach dem dritten Wort ab. Vier Stunden später wird er ihn jedoch vollständig zum Besten geben. Nur liegt er dann schon allein im Bett und der ‘Gedankenblitz’ bringt keine Wirkung mit sich.
  3. Der wohl nervigste Witze-Erzähler, der es immer wieder schafft, mit seinem Witz-Gut die Allgemeinheit einzuschläfern. Charakteristisch für diesen Witze-Erzähler sind Witze, bei denen mindestens eine, wenn nicht sogar zwei oder drei zentrale Figuren des Witzes stottern. Der Interpret wird immer bemüht sein, das Stottern weitestgehend originalgetreu nachzuleben, wodurch die Pointe lange auf sich warten läßt. Befinden sie sich in Gesellschaft eines derartigen Typen, suchen sie sich Gefolgsleute und schmeißen sie diese Null aus dem Fenster! Sie tun damit sich und anderen einen großen Gefallen!
  4. Dieser Typ ist der Kronjuwel unter den Witze-Erzählern, da er die Zuhörerschaft durch kurze und zielsichere Pointen zu verzaubern vermag. Meistens sind das Typen, die sonst nichts zu lachen haben!
  5. Das sind die Finanzbeamten, die ihren Dienst am Schalter tun. Diese Typen wollen eigentlich dem schlüpfrigen Witz fröhnen, verpassen aber aufgrund ihrer chronisch bockseligen Einstellung gehörig den Spannungsbogen des Witzes. Die eigentliche Intention derartiger Typen liegt darin, nächstsitzender Tussi am Ohr zu lecken! Diese Witzbolde sind darüber hinaus an ihren abgekauten Fingernägeln zu erkennen, weil irgendwie müssen ja die verdrängten Triebe kompensiert werden.
  6. Ist während des Erzählens kaum zu verstehen, weil er sich über seine eigene Blödheit fleckig lacht. Streichen sie derartige Typen unbedingt von der Besucherliste! Es lohnt sich!
  7. Ist der Kreative unter den Witze-Erzählern, aber leider auch der unlustigste. Ihm wurde die hohe Gabe in die Wiege geschleudert, überaus spontan Witze erfinden zu können. Die Gabe, einen Witz mit einer treffenden Pointe abzurunden, wurde ihm daraufhin scheinbar diktatorisch aberkannt.
  8. Ist der wohl meistgehaßte dieser Zunft. Typ 8 zeichnet sich dadurch aus, daß er immer der Schlauberger ist und konsequent in die Darbietungen anderer eingreift, um eine zielsicherere Modifikation des dramaturgischen Kreises hingebogen zu bekommen, die leider in einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit dem Unterbrochenen strandet. (Wie „witzig” wir doch alle sind!) Schicken sie diesen Typen während einer fluffigen Witzerunde in den Keller Eingemachtes holen. Sorgen sie dann dafür, daß die Kellertüre gut verrammelt wird und lassen sie ihn erst wieder raus, wenn ihr Ortsverein den nächsten Karneval ankündigt!
  9. Ist der liebenswürdige unter den Witze-Erzählern weil er garnicht merkt, daß er einen knorke Knaller abgelassen hat.
  10. Tobt sich ausschließlich in einer Themensparte des Witzes aus. Entweder Blondinenwitz oder Manta-Witz, also der konsequent einschienig laufende Typ. Sollte jedoch nicht vorschnell verurteilt werden, wenn die Witze klasse sind!
Grenzenlos langweilig wird es, wenn mir jemand in einer ansonsten flockigen Runde, ein „irre witziges” Erlebnis näherbringen will. Nimmt man mir es legitim übel, wenn ich die freudige Erwartung des Interpreten mich vor lauter Witzigkeit des dargestellten Ereignisses zu bepieseln nicht einlösen kann und der „Pointe” eher teilnahmslos gegenüberstehe? Lieber witziger Mitmensch! Die von dir dargebotene Situation hatte eine eigene und nur schwer nachvollziehbare Komik, die von dir nur prozentual verschwindend gering authentisch wiedergegeben werden kann! Man kann eben den Schmerz, den man beim Schließen seiner Hose und der dadurch eventuell eintretenden Verschmelzung des eben genannten Schließmechanismus mit einem spezifischen Körperteil nicht für andere erfahrbar machen, indem man es schnöde nacherzählt. Diese Fusion muß man selbst erlebt haben!

Es lebe der Witz als solcher!!!